BÜCHER & HEFTE

Regionalkrimi

Endlich ein neuer Krimi von Volker Pesch,

und auch hier schlagen wieder die Ostseewellen an den Strand, es gibt viel Lokalkolorit (diesmal vor allem von Warnemünde) und eine interessante neue Kommissarin, Doro Weskamp, die aus Kiel stammt und auch nach vielen Jahren in Rostock noch als Zugereiste gilt. Sie nimmt es aber gelassen hin, warum sollte es in Rostock anders sein als überall sonst? Natürlich geht es, wie immer in einem anständigen Regionalkrimi, um die Befindlichkeiten der Einheimischen, aber auch eben um mehr als das. Anfangs wird ein Traditionsschiff versenkt, ein junger syrischer Flüchtling, der sich an Bord befand, ertrinkt.

Galt der Anschlag dem alten Segler (Konkurrenten, die sauer sind, weil die Kundschaft die Traditionsschiffe vorzieht?) oder dem Geflüchteten? Natürlich ist alles ganz anders, und die Aufklärung führt die Kommissarin und uns damit viele Jahrzehnte zurück, zu den Sünden der Väter sozusagen. Die geradezu biblisch die nachfolgenden Generationen immer weiter heimsuchen. Stichwort. Kriegsenkel und der relativ neue Forschungsbereich der Epigenetik. Und weil es biblisch wird, hat der aus früheren Krimis von Volker Pesch bekannte Polizeiseelsorger Tom Schroeder ebenfalls einen Auftritt und gerät tiefer in die Ermittlungen, als ihm möglicherweise lieb ist.

Volker Pesch: Der letzte Grund, Pendragon Verlag, 283 S., 13.90 www.pendragon.de (GH)

lebentot.jpg  Das schöne Leben der Toten von Milena Moser und Victor-Mario Zaballa

Jeder Mensch, egal welcher kulturellen Prägung, stellt sich irgendwann einmal die Frage: Was geschieht eigentlich nach dem Tod? … und beantwortet sie sich entweder mit: „Keine Ahnung!“ oder nach religiöser, kultureller Prägung. Meistens vermeiden die meisten Menschen es jedoch an den Tod zu denken, wobei dieser doch die einzige Gewissheit im Leben ist. In der mexikanischen Kultur werden die Toten gefeiert, sie werden am Diá de la Muertos eingeladen mit den Lebenden zu feiern. Genau genommen werden sie gelockt, denn die Verbindung zur Welt der Lebenden sind Essen, der Duft von Blumen und Freundschaft.

Doch es ist nicht nur dieser Tag, es ist diese generell andere, eher freundschaftliche Haltung dem Tod gegenüber, die zu diesem Buch geführt hat. Milena Moser, Schriftstellerin, Schweizerin und seit fünf Jahren in den USA ansessig und Victor-Mario Zaballa, bildener Künstler toltekischer Herkunft , leben zusammen, arbeiten zusammen, sind mittlerweile verheiratet und der Tod ist für sie beide keine abstrakte Möglichkeit in ferner Zukunft, sondern täglich präsent, denn Zaballa hat mehrere lebensbedrohliche Erkrankungen, die ihn weder in seiner Kreativität noch in seiner Lebensfreude behindern. So gestaltet er regelmäßig auf der SomArt in San Francisco einen Altar zum Dia de los Muertos und auch im Hause Moser-Zaballa werden die lieben Verstorbenen an diesem Tag mit Essen, Liebe und Blumen gelockt, einen Abend mit den Lebenden zu verbringen. Die Toten müssen gelockt werden, denn ihnen geht es nach mexikanisch/toltekischer Auffassung sehr gut in einer der vielen Jenseitsmöglichkeiten.

Es ist ein heiteres Buch, über Freundschaft, Liebe und Tod und alles was das Leben sonst noch ausmacht. Es kein langes Buch, gerade einmal 128 Seiten, illustriert mit Fotos von Victor Zaballas Altären und Zeichnungen, doch es ist auch ein gehaltvolles Buch und ein tröstendes. Ich kann es nur empfehlen.

Das schöne Leben der Toten von Milena Moser & Victor-Mario Zaballa, Verlag: Kein & Aber, ISBN 9783036958187, Preis 19,00 €

(Kabra)

Roman von Thommie Bayer

Thommie Bayer bleibt seiner Herkunft aus der Liedermacherszene verbunden, indem er in jedem Buch viel Musik vorkommen lässt. In seinem neuen Roman wird anfangs Moustaki gehört, es geht nämlich um Erinnerungen an die Jugend des Ich-Erzählers Phillip Dorn.

Damals musste er eine Entscheidung treffen, der er mit 14 Jahren vielleicht noch nicht gewachsen war. Ob es die richtige war, weiß er bis heute nicht, und gerade, als er eigentlich noch ganz andere Dinge zu verarbeiten hat (die Trennung von seiner großen Liebe Bettina, im Klappentext steht „Brigitte“, wer liest da eigentlich Korrektur?) und deshalb eine Reise nach Italien plant, schlägt das Schicksal zu und seine Entscheidung von damals zeigt sich in ganz neuem Licht.

Mehr wird nicht verraten, außer, dass das Buch auch eine Reise im Kopf ist, die uns u. a. nach Pisa und Florenz führt (wunderbar in diesen Coronazeiten, wo schon Buxtehude zum unerreichbaren Sehnsuchtsort wird). Außerdem wird viel italienische Musik gehört, wer sich dort nicht auskennt, kann auch musikalisch auf Entdeckungsreise gehen.

Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter, Piper, 222 S, 22,-- www.piper.de (GH)

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Esel im Klee von Eimar O’Duffy

Cuandine, der Held, der uns schon in König Goshawk und die Vögel begegnete, ist immer noch unterwegs, seine Aufgabe zu erfüllen. Wir erinnern uns: Der Weizenkönig Goshawk hatte seiner Liebsten Guzzelinda versprochen ihr alle Vögel der Welt zu schenken. Mit geschickter Propaganda wird jede Gegenwehr erstickt und es ist angezeigt einen Helden teils göttlicher Herkunft zu schaffen, um diese Aufgabe anzugehen.

Nun aber zur Fortsetzung und zu unserem Helden Cuandine, der gemeinsam mit dem Reporter Robinson und dem arbeitslosen Mac uí Rudaí auf dem Weg zurück nach Irland ist. Von dort soll die Befreiungsaktion starten. Unterwegs treffen sie auf allerlei Menschen, die ihnen die Welt erklären und Cuandine zu dem Schluss kommen lässt, dass es jede Art von Verrückten braucht, um die Welt zu ruinieren.

Sowohl König Gohawk und Vögel als auch Esel im Klee entstanden 1926 und sind von einer frappierenden Aktualität. Eimar O’Duffy wird als der Missing Link zwischen Jonathan Swift und Fall O’Brien gesehen, auf jeden Fall hat er mit beiden Büchern eine poetische, lustige, wundervolle, zeitlose Kapitalismuskritik geschaffen, die einfach das Herz erfreut.

Eine Anmerkung zu den Anmerkungen. Im Text stolpern wir über viele Namen aus der irischen und englischen Mythologie, sowie über Spitznamen, die im englischen Sinn machen, aber eben nur wenn man der englischen Sprache mächtig ist. Gabriele Haefs, hat diese im Anhang gesammelt, mit entsprechenden Erklärungen versehen und auch Hinweise zur korrekten Aussprache beigeliefert. Danke dafür.

Esel im Klee von Eimar O’Duffy, Übersetzerin: Gabriele Haefs, Alfred Kröner Verlag, ISBN 9783520608017, Preis 22,00

(Kabra)

Norwegisches Buch.

Leider bisher nur auf Norwegisch, aber wir können ja hoffen.

Die Volkkundlerin Sigrid Aksnes Stykket hat sich Balladen vorgenommen und untersucht, wie Frauen darin dargestellt werden. Die Lieder in ihrer Untersuchung stammen aus dem Norden, es gibt wunderbare Textbeispiele z.B. auf Altnordisch oder Färöisch.

Alle Texte gibt es in vielen Varianten mit teilweise sehr unterschiedlichen Enden. Aufgezeichnet wurden einige schon im ausgehenden Mittelalter, die meisten jedoch in der großen Sammelzeit im 19. Jahrhundert – und bei diesen ist auch bekannt, wer die Gewährsleute waren. Über die erfahren wir zwar nichts, aber dass Frauen in der Mehrzahl sind, ist immerhin eine interessante Information. Allerdings heißt das nicht, dass die Frauen besonders aktiv würden.

In einer weitverbreiteten Ballade, wo die frischvermählte Frau vom Gatten, dem es nur um die Mitgift ging, umgebracht zu werden droht, kann nur ihr Bruder sie retten, was auch immer gelingt – die Moral: Wenn die Männer der Sippe für die Frauen die Ehen aushandeln, sind sie auch dafür verantwortlich, dass es den Frauen in diesen Ehen gut geht.

Viel verbreitet ist auch die Geschichte vom wilden Wassermann, doch anders als Lilofee, die ja freiwillig mit ihm zurückgeht, hat die Braut in den nordischen Balladen keine Entscheidungsmöglichkeit. Die Geschichte des armen Mädchens, das angeblich Stroh zu Gold spinnen kann, ist im Norden ebenfalls zum Lied geworden und auch dort rettet sie sich am Ende, indem sie ihren Widersacher beim Namen nennt. Das sind nur ein paar Beispiele aus dieser hervorragenden Untersuchung, also, wer Norwegisch lesen kann, unbedingt anschaffen. Sigrid Aksnes Stykket: Ho sette seg sjov te styre. Kvinneframstilling i balladar gjennom tid og rom. Scandinavian Academic Press, 247 S., 399 nok., https://scandinavianacademicpress.no (GH)

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Die Apotheker von Sven Böttcher

Hannes und Bea Hertz, Besitzer der Hertz Apotheken, sind Apotheker aus Leidenschaft und sich auch im privaten Leben leidenschaftlich zugetan. Ihre Kunden werden, zum Teil mit eigenen Präparaten, gut bedient. So ist es Bea gelungen, ein Neurodermitis-Mittel zu entwickeln, dass im Gegensatz zum offiziellen, keine Nebenwirkungen hat. Beide Hertzens stehen der Pharmaindustrie kritische gegenüber und lehnen sich oft genug weit aus dem Fenster, was natürlich zu Schwierigkeiten führt und der Konkurrenz Futter für Beschwerden gibt. Das alles nehmen sie mit relativem Humor. Sogar zu dem für sie zuständigen Pharmareferenten Patrick Hillert pflegen sie ein gutes Einvernehmen, doch der ist auf einmal tot. Herzinfarkt unter sehr merkwürdigen Umständen und dann wird er auch noch eingeäschert, wo er doch begraben werden wollte. Und das kurz nachdem er versucht hat Bea zu überreden, ihre Galenik für das Neurodermitis-Medikament an seine Firma zu verkaufen. Hannes wittert Unrat, Bea eher nicht. Doch dann bringt Partrick Hillerts Firma ein Medikament für Multiple Sklerose auf den Markt, welches auf Beas Galenik aufbaut und für einen übertriebenen Preis verkauft werden soll. Nun überschlagen sich die Ereignisse.

Sven Böttcher hat sich schon in dem Sachbuch Rette sich wer kann mit der Krankheitsindustrie auseinander gesetzt und greift das Thema nun belletristisch auf. Der Erzählstil ist locker, der Plot gut aufgebaut, die Aufmachung des Buches sehr edel und der Autor beherrscht sein Thema. Ein spannendes, interessantes, nachhaltiges Leseerlebnis von der ersten bis zur letzten Seite.

Die Apotheker von Sven Böttcher, Verlag: Rubikon Betriebsges.mbH, ISBN 9783967890068 Preis: 20,00 €

(Kabra)

Karin Braun: Du bist raus

Karin Braun ist im FM keine Unbekannte –, als Rezensentin stellt sie in jeder Ausgabe neue CDs und vor allem Literatur vor, und nun können wir im Gegenzug ein Buch der Autorin Karin Braun vorstellen. „Du bist raus!“, dieser verheißungsvolle Titel gilt für eine lange und drei kurze Geschichten gleichermaßen, alle Personen sind auf irgendeine Weise „raus“, stehen am Rand dessen, was gerade als normal und angepasst gilt.

Martin, der Held der langen Geschichte, ist ein Außenseiter, lebt allein, würde am liebsten das Haus nicht verlassen und hat seine bestimmte Meinung zu absolut allem. Aber er haust in einer Bruchbude, deshalb muss er „raus“, und da er kein Geld hat, geht er zu IKEA. Da sitzt er dann lange bei seinem Kaffee, mitten in der Menschenmenge und doch unbemerkt. Ist es ein Wunder, dass es bei IKEA gemütlicher findet als bei sich zu Hause? Und dass er, weil wirklich niemand darauf achtet, was passiert, schließlich dort übernachtet? Dabei wird er natürlich erwischt, doch es kommt keine Anzeige, nein, Martin wird angeboten, dort ganz offiziell zu wohnen.

Wenn die Leute sehen, wie wohl sich jemand in den IKEA-Artikeln fühlt, kaufen sie noch mal so viel, das hat die Marketingabteilung ermittelt, und Martin, der (scheinbar) absolute Durchschnittsmann, ist genau der Richtige für diesen Job. Denken sie. Aber kann das gutgehen? Das wird hier nicht verraten, was dann passiert, steht in der langen satirischen Novelle „Lebst du noch oder wohnst du nur?“ Danach sind wir gespannt, wer uns in den drei kurzen Geschichten begegnet. Hier also kurz etwas über deren Hauptpersonen: Der Zahlenmann, dem vielleicht doch die Zahlen nicht zum Glücklichsein reichen.

Die alte Frau, die den jungen Schnösel von der Immobilienfirma auf althergebrachte Weise zur Verantwortung zieht. Und die Frau, die allein in einem alten Bauernhaus lebt, mit ihren Katzen Platt spricht und sich endlich einem Kind anvertraut. Neugierig geworden? Das müssen Sie wirklich lesen!

Karin Braun: Du bist raus, 182 S., Epubli, 8,99 ISBN 978-3753160108.  (GH)

Regionalkrimi

Neuer Roman von Brian McNeill

Auf die neuen Abenteuer des Buskers Alex Fraser hat Brian McNeill uns lange warten lassen – zuletzt war er (in „To answer the peacock“) in der Bretagne gelandet. Nun aber finden wir ihn bei strömendem Regen an einem öden Autobahnzubringer bei Kassel. Er hat schon alle Hoffnung aufgegeben, vor Einbruch der Dunkelheit noch mitgenommen zu werden, aber dann hält ein alter VW-Bus, der nur noch von den Aufklebern (z.B. von lange vergangenen Folk Festivals) zusammengehalten wird, gefahren wird das Kuriosum von einer afroamerikanischen Ärztin im Dienste der US Army. Und als wäre das nicht schon seltsam genug, ist sie unterwegs nach Rothenburg ob der Tauber. Alex knurrt der Magen und er freut sich auf Wein aus der Region und Rostbraten, aber Dr. Abigail Eve führt ihn erbarmungslos in einen Burger. Kaum hat er in das fett-triefende Teil gebissen, da geht eine Bombe hoch. Richtig so, könnte man denken, aber nicht nur der Burgerladen geht zu Bruch, es sind etliche Tote zu beklagen, darunter auch Dr. Eve. Weil Alex mit ihr zusammen dort war, ist er für die Polizei ein wichtiger Zeuge, aber auch die Army interessiert sich für ihn, dazu alle möglichen anderen Leute, bei denen er erst nach und nach durchschaut, was die mit der Sache zu tun haben. So gerät Alex in ein wildes Verwirrspielt, bei dem alte Stasileute ebenso eine Rolle spielen wie noch ältere Nazis und junge, restlos skrupellose Geschäftemacher aus Ost und West. Von Rothenburg bis Rostock zieht sich die Schneise der Verwüstung, und die Auflösung erfolgt schließlich auf der Reeperbahn. Weil Brian McNeill vor allem für ein britisches Publikum schreibt, streut er interessante Infos über Deutschland ein (z.B., dass die Leute Straßenmusiker nirgendwo so reichlich entlöhnen wie hier), aber auch deutsche Wörter, die dort bekannt sind, fürs deutsche Ohr aber total kurios klingen – wenn erwachsene Frauen mit Fräulein angeredet werden, z.B. müssen wir uns bisweilen mit Gewalt daran erinnern, dass das Buch nicht in den 60er Jahren spielt, und das macht das Lesen bei aller Dramatik auch lustig.

Brian McNeill: No Easy Eden, High Hold Books, 264 S., http://www.brianmcneill.co.uk/ (GH)
   
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