DEUTSCHLAND

Gehört diese CD wohl zur Liedermacherei? Ach, unbedingt, denn irgendwer hat diese Lieder ja gemacht, auch wenn einige von Trad. dabei sind. Martin Quetsche vom Kieler Duo Schmarowotsnik tritt hier als Texter in Erscheinung, und unbedingt erwähnt werden muss Moyshe-Leyb Halpern (1886 – 1932), der aus Galizien stammte und in New York starb.

Die Lieder – und einige Instrumentalstücke – schlagen einen weiten Bogen, es geht munter los Halperns „Hoyker, du“, ein Lied, das sich an einen Buckel richtet und eigentlich düstere Stimmung verbreiten will, und endet, ebenfalls munter, mit einem von Martin Quetsche geschriebenen Corona-Lied, dessen Titel übersetzt bedeutet „Keinen Bock“ – das Lied ist nicht ganz neu, von „nach fünf Monaten mit Corona“ ist dahin die Rede, tja, und das Lied klingt zwar munter, aber traurig zugleich, wie wir das von jiddischen Liedern vielleicht erwarten und wie Schmarowotsnik es meisterhaft vermitteln.

Auf dem Cover ein Eichhörnchen, das uns ankuckt, als wolle es sagen: „Habt ihr sie eigentlich noch alle, ihr Menschen?“, auf der Rückseite Christine von Bülow und Martin Quetsche beim Musizieren, dazwischen liegt die CD, die einfach in jedem Punkt überzeugt und ein großer Hörgenuss ist. Auch und gerade in Coronazeiten! Schmarowotsnik: Naye Yidishe Lider, www.silberblick-musik.de (GH)

Deutsche CD

Freude – eine neue CD von Kersten Flenter! Naja, nicht nur von ihm (aber seine Werke sind im FM ja schon oft gepriesen worden), sondern mit der Band Das letzte Ahorn.

Auf dem Cover geht es heftig zu, drei Herren rücken mit Axt und Säge dem Ahorn auf den Stamm, Kersten steht mit dem Banjo daneben und ein kleiner Hund im Vordergrund scheint zu denken: „Die spinnen, die Menschen.“

Aufgenommen wurde die CD in einem zum Studio umfunktionierten Ferienhaus im Ort Trans (!) im dänischen Jütland, und herausgekommen ist eine Sammlung von allerlei butzigen, schmutzigen, trutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern. Man hört richtig, welchen Spaß sie bei den Aufnahmen hatten, und der Spaß greift auf die geneigte Zuhörerin über. Dem Ortsnamen getreu wechseln sie munter den Stil, so ungefähr alles von Walzer bis Country ist vertreten, und wenn es gerade so laut war, dass einer die Ohren dröhnen, wird es dann melodisch zum Heulen.

Alle Titel haben sie selbst geschrieben, dabei sind auch Übersetzungen (ein dystopisches Lied ihres kanadischen Freundes Geoff Berner, z.B.), und auf Sachen wie „Ich weiß, dass ich mit dir abhauen will, egal auf welchen Kontinent, Hauptsache Hannover“ muss man erst mal kommen. Wunderbar auch die Aufmachung, ein kleines Hardcoverbuch mit allen Texten, Infos und vielen Fotos! Das letzte Ahorn: Ja, Mann, https://www.das-letzte-ahorn.de (GH)

die bösenmädchen.jpg.

Eine Scheibe aus dem Jahr 2000,
die aus schleierhaften Gründen
jetzt auf unseren Schreibtisch
gelangt ist.

Die CD ist wohl das Ergebnis von Mädchen-Workshops in Berlin, das Beiheft gibt außer den Texten wenig
Infos her. Die Girls singen zu gut gemachter Rock-Begleitung. Alle Songs sind aber von einem Mann
geschrieben. Einige der bewusst antikommerziellen Texte, etwa über Missbrauch oder Drogensucht, bleiben
aktuell. „Schwestern und Brüder“ über Kinder im Krieg klingt etwas folkig und wäre für eine weitere
Verbreitung geeignet. Das krampfhaft Aufmüpfige ist dagegen eher peinlich. Zum Thema „Ausländer“ ist die
Diskussion heute erheblich weiter. Vermutlich arbeiten die nächsten Generationen selbstbewusster Mädchen
musikalisch etwas eigenständiger. (küc)

müllermichalke.jpeg

Songpoesie würde ich nennen, was die beiden aus Köln stammenden Profis hier vorlegen. Es gibt viele weiche, elegische Melodien, gesungen wie gespielt. Während die elf Titel der Debüt-CD wie aus einem Guss ineinander übergehen, ist das Genre schwierig festzulegen. Eva Viola Müller (Stimme) und Stefan Michalke (Tasten) bewegen sich zwischen Jazz, Pop, Weltmusik und Chanson. Die beiden Klassiker „Autumn Leaves“ und „Besame Mucho“ passen bestens zu der Leichtigkeit und Melancholie, die das Album verströmt. Sie werden aber mit frischen Arrangements inkl. Beatbox (!) neu interpretiert. Die eigenen Lieder von MüllerMichalke drehen sich um die innere Suche, um das Verhältnis zur Natur oder zu anderen Menschen. Die ungewöhnlichen Strukturen ihres Materials verweisen auf die Entstehung in enger Kooperation. Die alte Rollenverteilung zwischen Sängerin und Begleitung ist aufgehoben, beide agieren auf Augenhöhe und haben sich gegenseitig inspiriert. So war nicht selten zuerst die Melodie da, die von der Sängerin betextet wurde. Ihre sanfte Stimme passt gut zu ihrem klaren, ungekünstelten Stil. Stefan Michalke setzt nicht nur den Flügel, sondern jeweils passgenau auch Rhodes Piano, Synthesizer und Akkordeon ein. Auch er agiert eher zurückgenommen, mit einem ausgeprägten Sinn für Phrasierung. Gäste an Violine und Klarinette setzen tolle Glanzlichter bei einzelnen Songs. Das Album lässt sich entspannt hören und nimmt einen mit, wobei man die Gedanken wandern lassen kann. Ein außergewöhnliches Duo mit ehrlichem Ausdruck, das seinen eigenen Weg gefunden hat. (küc)

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Sie kommen aus den Baumbergen (Tree Mountain!) bei Münster, was offenbar zu einer geistigen Verbundenheit mit den Hügeln der Appalachen geführt hat, denn das Quartett spielt Americana, das heißt Folkmusik mit ländlichen Wurzeln, Unterhaltsames aus einer Zeit, wo Tanzmusik, Gospel und die Vorläufer von Bluegrass und Country noch nahe beieinander lagen. Das kommt auf den zehn Titeln dieses dritten Albums rein akustisch und sehr stilvoll daher. Dobro, Mandoline oder Banjo prägen den typischen Sound, dazu gibt es mehrstimmigen Gesang mit wechselnden Soli. Rund um das Retro-Mikrophon geschart, singen die drei Herren und eine Dame von Armut, harter Arbeit und untreuen Liebsten. Entspannt wie beim Feierabend auf der Veranda klingt alles, wie es sich für eine String Band gehört, und hat den nötigen Swing. Die Kombo besteht seit 2014 und präsentiert sich entsprechend eingespielt und ausgewogen.

Außer guten Kenntnissen der Vorbilder aus dem frühen und mittleren 20. Jahrhundert steckt hörbar eine Menge Herzblut in diesem dritten Album der TMSB. Es geht nicht um Hektik und Tempo, sondern um Gefühl. Unter den zehn Titeln sind Klassiker wie das Mut machende „Keep On The Sunny Side“ oder der „Kentucky Waltz“, Sehnsucht pur und mit dem nötigen Schmelz gesungen. Insgesamt strahlt die Musik Freundlichkeit und gute Laune aus – derzeit nicht das Schlechteste.

Wie der Name schon verrät, haben die Vier offenbar einen Sinn für Selbstironie: Wahrscheinlich ist die TMSB die einzige Kapelle, die es auch als große Handpuppen mit passend angefertigten Instrumenten gibt. Lasst euch das Video dazu nicht entgehen.

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Das Debüt des Hamburger Liedermachers ist bereits 2015 erschienen. Die elf Songs passen zu seinem Umfeld bei den Pfadfindern. Die Themen sind allesamt nicht neu, Verliebtheit, Freundschaft, Fahrtenromatik... „Wo am Abend beim Feuer/ die Lieder und Becher/ uns allen in der Runde geh’n.“ Die Sprache klingt ein bisschen altertümlich, aber das wird einigen gerade gefallen. Die tatkräftige Unterstützung von Freunden mit Gesang, Akkordeon, Keyboards oder Percussion tut den Songs gut, da Kai Deutsch eine angenehme, aber nicht besonders hervorstechende Stimme hat. Natürlich zupft er auch in vertrauter Weise die Gitarre. Manchmal setzen vorangestellte Texte für die Einstimmung. Bei „Wölfe unserer Zeit“ soll es zu E-Gitarre und Bass politisch-kämpferisch werden. Der Text bleibt aber so vage, dass keine Anliegen daraus zu entnehmen sind. Die Arrangements sind liebevoll und sorgfältig gestaltet. Für den großen Durchbruch soll und wird das Album nicht sorgen, dafür fehlt den Songs die Originalität. Aber dafür ist es sicher auch nicht gedacht. Man kann sich damit ein virtuelles Lagerfeuer einrichten und von vergangenen Liederrunden träumen...

 Dadurch, dass man sich im vertrauten stilistischen Rahmen bewegt, wird das Mitmachen einfach. Zum Nachsingen gibt es im Beiheft nicht nur Texte, sondern auch Akkorde und Tempoangaben. Wer mal was Neues zur Klampfe singen möchte, kann an dem Album Freude haben. (küc)

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Der Titel ist etwas untertrieben, denn das Material geht über ein paar kurze Verse weit hinaus. Die Episoden der „lyrikalischen Reise“ von Susanna Wüstneck sind schon mal 10 oder 12 Minuten lang und werden von fünf Songs verschiedener Herkunft eingerahmt, sodass die CD reichlich Stoff bietet, um die Musikerin, Poetin und Filmemacherin kennenzulernen. Die Paarreime dienen dazu, die vielstrophigen Texte etwas zu glätten und die Monologe zugänglicher zu machen. Die geschickt gestaltete mündliche Vortragsweise stärkt die Aussage und schafft beim Hören eine Verbindung zur Autorin. Nur zwei der Gedichte untermalt sie auf der keltischen Harfe. So lenkt nichts ab von dem, was zu sagen ist. Alle Texte sind im Beiheft mit- oder nachzulesen.

Susanna Wüstneck entdeckte früh die Sprache als ihr Ausdrucksmedium zusätzlich zur Musik. Sie erzählt in ernsten und auch humorvollen Texten von der Liebe und ihrem Ende, dem gesellschaftlichen Miteinander, auch dem Tod. Hier wird nichts mystifiziert und verklausuliert, die Sprache ist klar und schafft dadurch sofort Bilder im Kopf, die einen in die Geschichten hineinziehen. Kernstück der CD sind die beiden autobiografischen Texte vom Aufwachsen in der DDR und sehr bitter von der Beziehung zu einem „Märchenprinzen“. Inzwischen scheint die Verfasserin gut im Münsterland verwurzelt zu sein, denn sie benutzt einmal die regionale Subkultur-Sprache Masematte und schickt augenzwinkernd ein verunglückt flirtendes Paar quer durch allerhand westfälische Örtchen. Die Autorin zeigt sich sensibel, widerstandsfähig und auch witzig. Ihr sehr persönlich gehaltenes Album macht Lust darauf, sie einmal live zu erleben, gerne auch als Sängerin und Instrumentalistin. (küc)

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Die Gedichte sind gesprochen von Katharina Thalbach, Julia Nachtmann und Rosa Thornmeyer. 

Mascha Kaléko und Eva Strittmater sind für mich wichtige Poetinnen deutscher Sprache aus dem vorigen Jahrhundert. Besonders deshalb, weil die herrlichen, sgark wirkenden Liebesgedichte großartig gesprochen doppelt wirken.

Mascha Kaléko.  Liebesgedichte. gesprochen von Katharina Thalbach, Julia Nachtmann und und Rosa Thormeyer. www.goyalit.de

Mascha Kaleko gehörte zu den großen Dichterinnen des vorigen Jahrhunderts. Sie und Theodor Kramer sind meine Favoriten, Juden, mit der feinsten, deutschen Sprache.Die Gedichte werden von großartigen Leserinnen interpretiert. „Mascha Kalékos Verse treffen immer mitten ins Herz“ steht auf dem Coverumschlag. Es sind frühe Gedichte der 30er Jahre, zuerst aus Berlin, dann nach der Flucht aus New York und dann aus Jerusalem. Eine wunderbare Sprache, die verzaubert. Wortschöpfungen wie „Nächte aus Kristall“ und „in mir Lichter angezündet“ machen mich erschauern. Eine liebevolle, unübertroffene Großstadtlyrik von Weltqualität.  hedo

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 Jeder, der mal nachts um Drei Verstärker zurück in den Probenkeller geschleppt hat,
 wird sich in diesem Buch wiederfinden. Aber auch alle anderen Musikinteressierten
 werden Freude an der Lektüre haben. Beschrieben wird der Lebensweg des kleinen
 Amps mit dem Tweedbezug und dem Baujahr 1939. Was die Geschichte aber so
 enorm unterhaltsam macht, ist die autobiografische Beschreibung des Hobbymusiker-
 daseins. Ich habe beim Lesen der Rahmenhandlung öfter laut gelacht, weil die
 Auftritte und die ganze Muckerszene so treffend und mit trockenem westfälischen
 Humor wiedergegeben sind. Hier im
Video gibt es einen Klangeindruck des kleinen
 Verstärkers mit dem Autor persönlich.


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Autor, Rebell, Vorreiter – Erzählungen und Essays

Gesprochen von Julia Nachtmann und Volker Hanisch

Heinrich Mann,1871 in Lübeck geboren stellte sich früh gegen den Hitler-Faschismus. 1933 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, und er emigrierte 1933 nach Nizza und floh dann 1940 von dort in die USA. Seine wichtigsten Wer sind „Der Blaue Engel“, „Professor Unrat“ und die Kaiserreich -Trilogie „Der Untertan“.

Teil 1 „Aus der Asche“

Das Cover auf alt getrimmt, die CD selber bedruckt als Single- Schallplatte (die Idee möglicherweise geklaut von der Mardi Gras Brass Band), wie man sie aus den Zeiten vor den CDs kannte, weckt schon mal gewisse Erwartungen, die auch voll erfüllt werden.

Schon das Intro kommt sehr bombastisch daher, ein wenig an Soundtracks von Fantasy-Blockbustern erinnernd, und es geht auch, bis auf ein paar sparsam instrumentierte Stücke, mit opulenten Arrangements weiter, man könnte es beschreiben als eine Mischung aus Genesis und Ougenweide, soundtechnisch etwas modernisiert. Die Texte sind deutsch und etwas mehr als das übliche Blabla, sie können durchaus auch für sich bestehen und sind im Booklet sinnvollerweise auch nachzulesen, da die Verständlichkeit derselben aufgrund der üppigen Instrumentierung und Sounds (mit einigen, wenn auch sparsamen Einflüssen aus dem Heavy Metal) teils nicht so leicht zu verstehen sind.

Der Untertitel weist darauf hin, dass dieser Scheibe wohl noch eine weitere thematisch weiterführende folgen soll. Nach diesem Werk kann man wirklich gespannt drauf sein.

Trisol TRI  708 CD

v-zero

   
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