SKAN & BALTISCH

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Die Vögel von Tarjei Veesas

Die Geschwister Mattis und Hege leben etwas außerhalb des Dorfes. Sie haben es nicht leicht, denn Geld ist rar und die Last für das für das Materielle zu sorgen liegt in erster Linie bei Hege, denn Mattis ist verloren in eine Kinderwelt und die Natur. Wenn er einmal Arbeit auf einem der umliegenden Höfe findet, ist es nicht für lange und eingestellt wird er meist aus Mitleid. Der Dussel wird er genannt und ist sich seines anders seins durchaus bewusst. Mattis liebt die Natur und er fürchtet Gewitter. Überall sieht er Zeichen und versucht den Sinn der Dinge zu entschlüsseln. Als eines Tages eine Schnepfe ihre gewohnte Flugbahn über dem Haus ändert, ist er sich sicher, das es ein Zeichen ist. Etwas wird sich ändern. Mattis schwankt zwischen Hoffen und Bangen.

Tarjei Veesas ist in seiner Heimat einer Norwegen einer der ganz großen Autoren, aber seltsamer Weise hier zu Lande nahezu unbekannt. Dabei verdient dieser Autor eine ganz große Bühne. K. O. Knausgard hat „Die Vögel“, als den wichtigsten norwegische Roman bezeichnet. Ob er das ist, weiß ich nicht, ganz sicher ist es eine der berührendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Trajei Veesas Sprache ist schlicht und entfaltet trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, einen fast hypnotischen Sog. Ehe man sich versieht, befindet man sich in Mattis Welt, die man selbst dann nicht so ganz verlässt, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.

Die Vögel von Tarjei Veesas, Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel, Verlag Guggolz, ISBN 9783945370285, Preis 23,00 €

(Kabra)

Und noch ein großer norwegischer Liedermacher feiert ein Jubiläum und beglückt seine Fans mit einer CD-Sammlung. Lars Martin Myhre kann aber auf eine nicht ganz so lange Fahrtzeit zurückblicken wie Lillebjørn, und also beschränkt er sich auf drei CDs.

Von denen ist allerdings jede doppelt so lange wie die von Lillebjørn, und da stimmt das Verhältnis dann wieder. 45 Lieder aus 45 Jahren, heißt das Werk, und dazu gibt es ein dickes Textbuch mit Noten. Viele wunderbare Dinge sind darauf, sein Riesenhit mit Odd Børretzen, „Noen ganger er det helt alright“, das zum Heulen ergreifende Weihnachtslied „Det er jul“, das er mit der Blaskapelle der Heilsarmee aufgenommen hat, sein Trostlied, „Trøstesang“, es gibt zwar wenig Trost, aber so ist das Leben eben. Seine Zusammenarbeit mit Kollegen wurde gebührend bedacht, wir hören Lieder, die er mit dem unvergessenen Arild Nyquist (+ 2004) aufgenommen hat, Odd Børretzen wurde schon erwähnt, sehr viel aus seiner Zusammenarbeit mit Ingvar Hovland, z.B. aus dem gemeinsamen Programm „Kårner Kaffe“  - der Waschzettel auf dem Buchrücken erzählt, dass Lars Martin Myhre im „norwegischen Liederbuch kräftige Spuren hinterlassen“ habe, und das beweist er mit diesem Werk. Bisweilen erinnert er an große schwedische Vorbilder, (könnte Frivoll aus dem gleichnamigen Liederzyklus nicht eine moderne Bellman-Figur sein?), und manchmal, selten in Norwegen an französische, vor allem Georges Brassens scheint manchmal Pate gestanden zu haben. Und: die Auswahl im Buch hat sein Publikum getroffen, und so gesehen beweist Lars Martin Myhres Publikum, dass es wirklich einen grandios guten Geschmack hat.

Lars Martin Myhre: 45 sanger fra 45 år. Fonogram, http://www.larsmartinmyhre.no/ (GH)

Lillebjørn Nilsen kann fünfzig Jahre auf der Bühne feiern und schenkt seinen Fans zu diesem Fest ein dicke Geschenkpackung: 10 CDs, dazu eine DVD mit einen Konzert.

Damit haben wir zwar keine vollständige Lillebjørnsammlung, denn seine Kooperationen mit allerlei KollegInnen auf vielen LPs und CDs fehlen, aber wir kommen sehr weit. Seine legendären Solo-LPs sind hier auf CD gebrannt, jede hat ein paar Infos zu den Liedern und den Gästen (viel zu viele im Laufe der Jahre, um hier alle aufgezählt zu werden, fast immer ist jedenfalls der alte Weggefährte Steinar Ofsdal mit von der Partie). Die Originalcover zeigen, welchen Weg Lillebjørn gegangen ist, der ganz junge frischgebackene Liedermacher noch mit kurzen Haaren, dann der mittlere, der vom Festival des Politischen Liedes in Berlin (DDR) eingeladen und wieder ausgeladen wurde, weil er sich die langen Haare nicht abschneiden wollte, schließlich der heutige, Honecker zum Tort noch immer langhaarig und so wunderbar wie immer. Die CDs zeigen, wie ungeheuer vielseitig der Mann ist, und wie viele Instrumente er virtuos spielt: Gitarre, Banjo, Hardangergeige, Mundharmonika, Dulcimer. Und welches riesige Repertoire er hat: tradionelle Balladen aus vielen Teilen Norwegens, eigene Lieder, bei denen er eine Vielzahl von Einflüssen verarbeitet – irische, spanische, südamerikanische, Blues, Hillbilly und noch viele mehr -, Übersetzungen, Instrumentalstücke, und alles, alles ist in dieser Sammlung vertreten. In seinen eigenen Liedern greift er immer wieder aktuelle Themen auf – und er, der Sänger von Oslo, den die ganze Stadt nur mit Vornamen bezeichnet, nimmt auch seiner Stadt gegenüber kein Blatt vor den Mund. „Die Stadt mit dem großen Herzen“ nennt Oslo sich in der Tourismusreklame. Alles gelogen, singt Lillebjørn, dein Herz ist eiskalt – und er beschreibt, wie „unerwünschte“ Personen dort behandelt werden, Obdachlose, Flüchtlinge … Natürlich fehlt auch seine norwegische Version von Pete Seegers „Rainbow Race“ nicht, auf Norwegisch: „Barn av Regnbuen“ – „Kinder des Regenbogens“. Dieses Lied ist vielleicht das Wichtigste, das er je geschrieben hat. Die deutsche Presse hat zwar darüber berichtet, aber Lillebjørns Name ging dabei unter, weil er den Berichterstattern wohl nicht bekannt war. Also so war das: Als der Neonazi und Massenmörder Anders Bering Breivik in Oslo vor Gericht stand, erklärte er, dass die norwegischen Kinder schon im Kindergarten verdorben und indoktriniert würden, da sie dort „Barn av Regnbuen“ singen müssten und sich danach einbildeten, alle „Rassen“ seien gleichwertig und man solle alle in Norwegen willkommen heißen. Worauf sich 40 000 ehemalige Kindergartenkinder vor dem Gerichtshaus versammelten und dem Mörder energisch „Barn av Regnbuen“ vorsangen. Zu hören ist Lillebjørns Originalversion mit vielen anderen Meisterwerken in dieser CD-Sammlung.

Lillebjørn Nilsen: Stilleste gutt på sovesal 1, Grappa Records, www.grappa.no

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PUST, die a-cappella-Gruppe aus Norwegen, sind im FM schon mehrmals erwähnt worden, immer heiß empfohlen, und Empfehlungen haben sie auch diesmal wieder verdient.

Die neue CD mit Weihnachtsliedern traf leider nicht rechtzeitig ein, um ausreichend lange vor dem Fest vorgestellt zu werden, aber egal. Die Zeit verfliegt, bald ist es wieder so weit, am besten gleich anschaffen und einlagern! Auf der CD geht es los mit einem Lied zur Melodie von „Alle Jahre wieder“, die aber auch in England bekannt ist, Christina Rossetti hatte einen Text dazu geschrieben, Ingvar Hovland hat ihn ins Norwegische übersetzt, und das ist schon mal ein guter Anfang. Andere Lieder stammen von Odd Nordtoga (großer norwegischer Liedermacher, bei uns noch nicht so richtig bekannt), Viktor Rudberg, dem Erfinder des Weihnachtswichtels Tomte (später von Astrid Lindgren übernommen und bekannt gemacht) und von dem dichtenden dänischen Bischof Hans Adolph Brorson. „Es ist ein Ros entsprungen“ ist auch mit von der Partie (auf Norwegisch), und überhaupt ist alles wunderbar und bringt Weinachtsstimmung, selbst im elenden Advent 2020.

Pust: Lengt etter lys, Kirkelig Kultuverksted, www.kkv.no (GH)

groupa.jpg. Rezension 2

Der Norweger Jørn Simen Øverli hat schon mit vielen KollegInnen zusammengearbeitet, nun hat er mit zweien ein Trio gegründet, die anderen beiden sind Siri Malmedal Hauge, die singt und Mandoline spielt, und Espen Leite auf dem Akkordeon. Es ist vor allem die unvergleichliche Stimme von Siri Malmedal Hauge, die diese CD zum Erlebnis macht. Versammelt sind hier Lieder aus mehreren Ländern, allesamt nachgedichtet von Jørn Simen Øverli. Die Originaltexte stammen von Bertolt Brecht (in der Presseerklärung steht peinlicherweise „Berthold“, aber auf der CD ist es dann richtig), Wladimir Semjonotowitsch, Wladimir Vysotski, Agnieszka Osiecka und Jacques Brel (und, ganz versteckt und auf dem Cover nicht erwähnt, „Zu Asche, zu Staub“ von Tom Tykwer). Fröhlich, frech, wütend, traurig, wehmütig, anklagend, ein überzeugender Querschnitt durch das Werk der fünf (Tom Tykwer lassen wir in der Klammer, das Lied ist eigentlich nicht gut genug für diese Gesellschaft), sicher sind nicht alle fünf allen hierzulande gleichermaßen vertraut, also gibt es auch viel zu entdecken. Jørn Simen Øverli-Trio: Vidunderlig. Kirkelig Kulturversted. www.kkv.no (GH)

Wenn jemand Texte von klassischen Gedichten vertont und sich dazu auf dem Klavier begleitet, wenn dieser Jemand aus Norwegen kommt und keine Probleme mit der englischen Aussprache hat, dann denken wir doch: Ketil Bjørnstad. Für dessen Fans gibt es nun eine neue Entdeckung zu machen: Petter Udland Johansen, der den Vergleich absolut nicht zu scheuen braucht. Und nein, er ist kein Epigone, er hat seinen eigenen unverkennbaren Stil. Es ist nicht alles Englisch auf der CD, so ist ein Lied von Rudolf Nilsen dabei, dem archetypischen Osloer Asphaltdicher, gefolgt dann von „Hard Times Come Again No More“ von Stephems Collins Foster, so oft gehört, von so vielen Stimmen, doch Petter Udland Johansen fügt diesem Chor noch eine sehr eigene hinzu. Andere Texte stammen von Edgar Allan Poe, Lord Byron, Robert Frost und Thomas Hardy. Wir sehen: vom Feinsten. Textlich wie musikalisch. Petter Udland Johansen: The Road Not Taken, Carpe Diem Records, www.carpediem-records.com (GH)

Suden Aika sind vier finnische Sängerinnen, die seit 15 Jahren zusammenarbeiten,

Folk Galore, so heißt die neue Zeitschrift, die sich vor allem der Musik des europäischen Nordens und des Baltikums widmet. Eine CD wurde jetzt parallel zur neuen Nummer veröffentlicht, was wunderbar ist – ein Hörerlebnis nach dem anderen, wobei das Schwergewicht hier auf dem Baltikum liegt. Sápmi ist allerdings auch vertreten, es geht los mit Disco-Joik von Vilda. Das nächste Stück, von Kra Playground, bietet Gejodel, und wenn man sich in den Alpen wähnt, ist das sicher nicht falsch, deutsche Texteinsprengsel weisen deutlich in diese Richtung. Aus Ungarn kommen Mesceszinka mit ihrer jazzinspirierten Musik, und sie schaffen es, das Saxophon nicht wie den schon viel zu lange üblichen Einheitsbrei klingen zu lassen, kurzum, es gibt wahnsinnig viel zu entdecken bei den 18 Stücken dieser CD, die ganz bestimmt nicht die letzte von Folk Galore sein wird. Folk Galore: Highlights 2020, www.folkgalore.de (GH)

Ankerdram

www.gofolk.dlk

Folk Galore, so heißt die neue Zeitschrift, die sich vor allem der Musik des europäischen Nordens und des Baltikums widmet. Eine CD wurde jetzt parallel zur neuen Nummer veröffentlicht, was wunderbar ist – ein Hörerlebnis nach dem anderen, wobei das Schwergewicht hier auf dem Baltikum liegt. Sápmi ist allerdings auch vertreten, es geht los mit Disco-Joik von Vilda. Das nächste Stück, von Kra Playground, bietet Gejodel, und wenn man sich in den Alpen wähnt, ist das sicher nicht falsch, deutsche Texteinsprengsel weisen deutlich in diese Richtung. Aus Ungarn kommen Mesceszinka mit ihrer jazzinspirierten Musik, und sie schaffen es, das Saxophon nicht wie den schon viel zu lange üblichen Einheitsbrei klingen zu lassen, kurzum, es gibt wahnsinnig viel zu entdecken bei den 18 Stücken dieser CD, die ganz bestimmt nicht die letzte von Folk Galore sein wird. Folk Galore: Highlights 2020, www.folkgalore.de (GH)

   
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